Sprachlos

„Nur noch die Visite abwarten“, hieß es, „dann dürfen Sie nach Hause!“

Ich sitze, endlich wieder in Zivilkleidung, auf meinem Krankenhausbett und warte auf die Ärztin. Eine ganze Woche war ich Gast der neurologischen Station hier in diesem Linzer Krankenhaus voller Spezialisten. Ich wurde von einer Röhre in die nächste geschoben, mein Kopf mit irgendwelchen Sonden verkabelt, sogar radioaktives Zeug wurde mir injiziert. Manche der Tests kamen mir absolut sinnlos vor. Doch keiner der o.g. Spezialisten konnte etwas finden. 

„Da ist nichts!“, hieß es.

Doch! Da ist dieser betäubende Kopfschmerz, den ich seit Monaten nur deshalb Tag für Tag ertrage, weil ich viel zu viele und viel zu starke Schmerzmedikamente einnehme.

Die Zimmertür flog auf, die blonde Ärztin kam forschen Schrittes auf mich zu: „Sie bleiben hier! Wir haben zufällig ein Aneurysma entdeckt - Carotis Endstrecke. Sie können froh sein, vielleicht wären Sie in einer Woche bereits tot. Die Angiographie wird noch heute Mittag gemacht. Ziehen Sie sich wieder um, lesen und unterzeichnen Sie das (sie reichte mir ein Aufklärungsblatt) und warten Sie, bis wir Sie holen!“

„Wie, was…?“ war das einzige, was mir über die Lippen kam.

„Steht alles hier drin!“, hieß es. Sie dürfte es eilig gehabt haben, die Frau Doktor. Weg war sie wieder.

Ich fühlte mich als sei ich überrollt worden. Von einer Dampfwalze. Einer Walze, die meine Seele aus meinem Körper herausgepresst hat, wie das letzte Bisschen Senf aus einer zerbeulten Tube.

Die Dinge überschlugen sich. Es dürfte ziemlich dringlich gewesen sein. Vielleicht aber wollten die Ärzte auch nur nach Hause. So wie ich eigentlich auch. Schließlich war Freitag und die Sonne schien.

Ich fand mich am OP-Tisch wieder. Es war kalt. Mir war kalt. Die Vorstellung, dass sich gleich bei vollem Bewusstsein eine Sonde den Weg durch meine Blutgefäße hindurch direkt in mein Gehirn bahnen würde, versetzte mich in Panik.

„Ja nicht bewegen, sonst entstehen irreversible Schäden am Gehirn!“ hieß es.


Eine eiskalte Träne lief über meine Wange.

„Luft anhalten! Wir spritzen jetzt das Kontrastmittel!“

In der Dunkelheit hinter meinen geschlossenen Augen sah ich viele grelle Blitze. Genau so als wäre ich Zeugin eines nächtlichen Gewitters. Die Prozedur wiederholte sich mehrmals.


Der Eingriff sei gut gegangen, hieß es. Sie wüssten jetzt, wo das Aneurysma genau sitzt, hieß es. Es wäre reparabel, hieß es. OP in einer Woche, hieß es.


Dass ich keine einzige der Aussagen, oder Fragen kommentierte, schien niemanden zu beunruhigen.

"Die Aufregung wird sich schon wieder legen und der Pfleger soll mich wieder in mein Zimmer bringen!", hieß es.

Doch irgendwo im OP habe ich meine Sprache liegengelassen.

Ich konnte nicht reden, nicht mal denken. Mich nicht einmal drum sorgen, ob das jemals wieder „gut“ wird. Mir fehlten die Worte dazu.

24 Stunden später stand fest: Ein Schlaganfall hatte mein Sprachzentrum lahmgelegt. Mit 34.

Statistisch gesehen dürfte das nicht passieren, hieß es.